Am Podium: stv. PNP-Chefredakteur Martin Wanninger (v.l.). taz-Redakteur Jan Feddersen, Prof. Dr. Ralf Hohlfeld und MdL Verena Osgyan. - Fotos: Lampelsdorfer

Demokratie braucht Journalismus

Podiumsgespräch der Grünen zur Zukunft der Tageszeitungen

Eine Demokratie ist für Meinungsbildung und politische Teilhabe auf Qualitätsmedien angewiesen. Darüber war sich am Donnerstagabend eine Podiumsrunde mit Journalisten, Vertretern aus Wissenschaft und Politik einig. Auf Einladung der Grünen-Kreisverbände Passau Stadt und Land diskutierten sie, wie deren Aufgabe in Zeiten von schwindenden Auflagen und Anzeigenerlösen auch weiterhin erfüllt werden kann.

Wie steht es derzeit um die Medien? Eike Hallitzky, Landesvorsitzender der Grünen, nannte in seiner Einführung zwei entscheidende Phasen in den vergangenen Jahrzehnten. Da sei sei zunächst die Phase der Boulevardisierung gewesen, mit der Folge, dass nicht das wichtigste Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, sondern eines, das sich am besten zur Skandalisierung eignet. Bestes Beispiel dafür sei die Debatte um die Ausländermaut – „sicher keines der tausend wichtigsten Themen unserer Republik, aber hoch emotionalisierbar“.

Die Politik entscheide als Folge dieser Entwicklung nicht nach Sachlogik, sondern nach Aufmerksamkeitswerten. Die Inszenierung, die mediale Wirkung werde immer wichtiger. Dazu passen die aktuellen Entwicklungen, die „zweite mediale Revolution“ durch soziale Netzwerke. Mit der negativen Folge, dass viele Menschen inzwischen ein „Überschriftenwissen“ genügt und gar nicht tiefer in die Materie eindringen wollen. Und dass sie sich in „Echokammern“ bewegen, in denen nur die eigenen Vorlieben und Vorurteile nachhallen.

Wo „Fake News“ auf dem Vormarsch sind, werden Journalisten immer wichtiger, die Informationen prüfen, Themen reflektieren und so die Grundlagen für politische Debatten legen. Doch wie lange noch? Jan Feddersen, Redakteur der überregionalen Tageszeitung taz, gibt den gedruckten Zeitungen noch zehn Jahre – und das sei optimistisch gerechnet. In der Berliner U-Bahn seien Zeitungsleser heute schon Exoten, jeder starre auf sein Smartphone. Doch für einen Netz-Journalismus, der sich auch finanziell rechnet, gebe es momentan noch keine Grundlage. Seine Zeitung, die taz, setzt auf ein Genossenschaftsmodell, eine „Community, die an uns hängt“. Und doch sei höchst unsicher, ob respektable journalistische Leistung auch künftig angemessen gewürdigt wird.

Deutlich optimistischer zeigten sich da Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Passau, sowie Martin Wanninger, stv. Chefredakteur der PNP. Auf absehbare Zeit werde es weiterhin Lokalzeitungen geben, so Wanninger, wenn nicht gedruckt, so doch über andere Medien wie Tablet oder iPhone.

Auch Hohlfeld sieht einen „Transformationsprozess“ über die nächsten 25 Jahre. Selbst wenn insgesamt die Zahl journalistischer Medien schrumpfen wird: Eine Zeitung sei mehr als gedrucktes Papier, sie stehe für die Idee einer gesellschaftlichen Kommunikation, und diese Idee werde auch überdauern. Allerdings wohl nicht mehr so günstig wie heute. Journalismus werde teurer: „Medien erbringen eine Leistung, und das kostet eben auch Geld“. Bei „wertigem Journalismus“ seien die Menschen auch bereit, mehr zu zahlen. Wobei durchaus auch die Gefahr einer weiteren Spaltung der Gesellschaft im Raum stehe, in eine finanzstarke Infoelite und in Menschen, die auf Informationen zweifelhafter Herkunft angewiesen sind. Generell würden Print- und digitale Medien, geschriebenes Wort und bewegtes Bild, immer enger zusammenwachsen.

Es gebe lokal derzeit „keine Alternative zur Tageszeitung“, weiß auch MdL Verena Osgyan, Netzpolitikerin der bayerischen Grünen, mit Verweis auf deren „ganz spezifische Rolle für die Demokratie“. Sie wünscht sich mehr Unterstützung für junge Medienmacher, um beispielsweise neue Formate auf YouTube zu entwickeln. Und sie setzt auf bessere, fächerübergreifende Medienarbeit in den Schulen, schon bei der Lehrerausbildung müsse da angesetzt werden.

Ob denn steigende Armut der Grund für Abonnentenrückgang sei, fragte ein Teilnehmer der von Grünen-Kreisvorsitzendem Dirk Wildt moderierten Diskussion, was beide Zeitungsmacher verneinten. Hier spielen laut Wanninger vielmehr demografische Faktoren herein; Hohlfeld verwies auf die zunehmende Zahl von Single-Haushalten, in denen eine Zeitung eben nicht mehr von der ganzen Familie genutzt werden kann. Martin Wanninger stellte fest, dass die Möglichkeit, sich über die verschiedensten Medien zu informieren, wohl noch nie so gut gewesen sei wie heute. Wichtig sei die Nähe zum Nutzer, die PNP arbeite darauf mit noch zielgenaueren Angeboten hin. Fazit der Medienpolitikerin Osgyan: Sie hoffe, dass sich Journalismus und Politik noch lange aneinander reiben können.

Quelle: Passauer Neue Presse vom 01.07.2017

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