Stolz und Freude über einen großen Schritt in der Gleichberechtigung: Christian Flisek (r.) und Boris Burkert (2.v.r.) trafen sich mit der Hochschulgruppe Life zum Austausch über das Thema "Ehe für alle". Mit dabei: Lisa Schelhammer (v.l.), Christina Zoidl, Renate Seifert, Annika Schupp, Tina Dinius, Anna Kassautzki (SPD), Anja Niederhofer und Lisa Steger. -Mooser

Anstoßen auf Regenbogenfarben

SPD und Grüne diskutieren mit Studenten über „Ehe für alle“

Mit einem zarten Klirren stießen SPD-Bundestagsabgeordneter Christian Flisek und Grünen-Bundestagskandidat Boris Burkert mit den Studenten der queeren Hochschulgruppe „Life“ an. Grund zur Freude und zum Zuprosten war der Beschluss zur Ehe für alle, den der Bundestag vor einer Woche verabschiedet hat.

Christian Flisek nennt das Gesetz einen „Paukenschlag“ und wies darauf hin, dass die SPD in ihren politischen Zielen schon lange die völlige Gleichberechtigung verfolgte. Der Auftritt Angela Merkels in der Zeitschrift „Brigitte“ sei der Anstoß gewesen, der den Stein ins Rollen gebracht habe. „Sie hat sich um Kopf und Kragen geredet“, als sie von ihrem klaren Nein zur gleichgeschlechtlichen Ehe abrückte und von einer Gewissensentscheidung gesprochen habe. Für Flisek sei dies das entscheidende Wort gewesen, das Anlass gegeben hatte, nun nicht mehr länger zu warten.

Sowohl der SPD-Abgeordnete als auch Boris Burkert von den Grünen zeigten sich froh, dass die Ehe für alle nicht zum Wahlkampfthema gemacht worden sei. Außerdem gelte für Flisek der Ehebegriff im Grundgesetz als ein „offener“. Als Jurist im Rechtsausschuss des Bundestags sehe er den nun folgenden verfassungsrechtlichen Vorgängen deshalb gelassen entgegen.

25 Jahre sei das Thema bereits im „politischen Trichter“ gewesen – die Politiker machten aus ihrer Freude über den lang herbeigesehnten Beschluss kein Geheimnis. Auch die Mitglieder der Passauer Hochschulgruppe Life (Love Is For Everyone) gaben an, dass die Freude vorvergangenen Freitag sehr groß gewesen sei. „Aber für uns ist das Thema im Moment noch nicht so akut – keiner von uns hat in der nächsten Zeit vor zu heiraten“, schmunzelte die Studentin Lisa Schelhammer. Viel aktueller sei dagegen, wie Diskriminierung gegen Homosexuelle auch nach der Eheöffnung weiter abgebaut werden könne.

„Ich habe hier in Passau noch nie schlechte Erfahrungen gemacht“, berichtet die Studentin und auch ihre Kommilitoninnen stimmen ihr zu. Doch sie wisse aus eigener Erfahrung, dass junge Menschen vor allem in ihrer „Coming-Out-Phase“ auf der Suche nach Orientierung seien. Die Hochschulgruppe biete die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch unter Gleichgesinnten, doch die Hemmschwelle, der Gruppe beizutreten, sei vor allem für Nicht-Studenten groß. Deshalb hat Life nun neben seinen wöchentlichen Treffen in der Universität einen Stammtisch zum Erfahrungsaustausch und als Hilfestellung ins Leben gerufen, zu dem jeder Interessierte eingeladen ist.

Boris Burkert zeigte sich beeindruckt von den Entwicklungsschritten, die seit seiner Geburt im Jahr 1961 stattgefunden haben: „Über die Jahrzehnte wurde ein gesellschaftliches Vorurteil nach dem anderen abgebaut“, sagte der Stadtrat. Doch es sei immer noch viel zu tun. Vor allem in den Schulen müsse das Thema mehr in den Lehrplan aufgenommen werden.

Derzeit vermittle der Lehrplan zwar den Respekt für alle Lebensformen, doch die Auseinandersetzung mit der Homosexualität gehe noch nicht tief genug, so Lisa Steger, Vorsitzende der Hochschulgruppe. Möglichkeiten für junge homosexuelle Menschen, die sich in einer Selbstfindungsphase befinden, seien laut Flisek mehr Jugendsozialarbeiter an den Schulen, die als Vertrauenspersonen fungierten. Burkert bestätigte, dass in der Amtszeit von OB Jürgen Dupper die Jugendsozialarbeit in Passau aufgestockt worden sei.

Beide Politiker wollen sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass Passau schwulen und lesbischen Menschen weiterhin eine Heimat bietet, in der sie ganz normal leben und sich entwickeln könnten. Nach dem Wahlkampf wolle man sich im kommenden Wintersemester erneut mit der Hochschulgruppe treffen, um über weitere Vernetzungs- und Orientierungsangebote zu sprechen.

Der Life Stammtisch findet jeden ersten Mittwoch im Monat um 19 Uhr im Zeughaus in der Heiliggeistgasse 12 statt. Gäste sind willkommen.

Quelle: Passauer Neue Presse vom 10.07.2017

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